GeDenken . NachDenken . Erinnern

27. JANUAR 2022 – NATIONALER GEDENKTAG FÜR DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS IN MUCH

Die jährliche Veranstaltung zum nationalen GeDenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gestaltet die Gemeinde Much gemeinsam mit Vertretern der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche, mit Lehrer*innen und Schüler*innen der Mucher Gesamtschule sowie mit der Musikschule Much.

In diesem Jahr wurde gemeinsam eine dreiseitige Stele gestaltet, an der man nicht nur Bilder betrachten und Texte lesen kann sondern auch über QR-Codes ausgesprochenen Gedanken zuhören oder sich ein Video anschauen kann.

Der Kunst- LK 1 der Jahrgangsstufe 12 von Maike Brochhaus

„In GeDenken an die Opfer des Nationalsozialismus konzipierten und gestalteten die Schüler*innen des Kunstleistungskurses der Gesamtschule Much ein Denkmal.
Dazu setzten sie sich kunstpraktisch mit der menschenverachtenden und manipulativen Bildwelt des Nationalsozialismus auseinander, um diese danach „mit deren eigenen Mitteln zu schlagen“. Sie gestalteten originale NS-Propagandaplakate so um, dass diese für Frieden, Toleranz und gegen Manipulation werben.

Die Umsetzung erfolgte in der Stencil-Technik aus der Street Art – einer Kunstszene, die sich häufig mit gesellschaftskritischen und politischen Themen befasst. Eigenständig erstellten die Schüler*innen digitale Entwürfe, übertrugen diese auf Folienschablonen und sprühten die Motive in mehreren Farbschichten auf die Stele.

Die Ergebnisse setzten ein plakatives und bewegendes Zeichen gegen die Gewalt der nationalsozialistischen Propagandamaschine und deren grausame Folgen.“
Maike Brochhaus
Lehrerin Gesamtschule Much

 

EIN DENKMAL ENTSTEHT

Wir danken Tischler David Braun und der Firma Löbach aus Ruppichteroth für die Unterstützung beim Bau des Grundgerüstes.

Der Geschichtskurs der Jahrgangstufe 11 von Mario Kulbach

„Im Rahmen eines thematischen Exkurses bereiteten die Schülerinnen und Schüler des Geschichtskurses EF den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus vor, indem sie sich zunächst intensiv mit dem historischen Gegenstand des 27.01.1945 auseinandersetzten. Dabei erarbeiteten die Schüler*innen die verschiedenen Etappen der Räumung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und machten sich die unfassbaren Dimensionen des industriellen Massenmords bewusst. In einem zweiten Schritt wurde der eigentliche Gedenktag in Augenschein genommen und gemeinsam geklärt, aus welchen Gründen dieser in der Bundesrepublik Deutschland seit 1996 eingeführt wurde. Dafür setzten sich die Schüler_innen mit zwei Reden des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog auseinander. Abschließend wurden die übergeordneten historischen Hintergründe auf regionale Begebenheiten bezogen und unter der Frage „Was hatte Much mit Auschwitz zu tun?“ beleuchtet, dass der Ort Much für 115 Menschen die erste Etappe in die Vernichtungslager im Osten Europas darstellte. Die Schüler_innen äußerten sich in persönlichen Sprachnachrichten sehr betroffen über diesen, für den ein oder anderen unerwarteten, Zusammenhang. Diese Sprachnachrichten können nun auf der Gedenkstele am Walkweiher per Smartphone abgehört werden.“
Mario Kulbach
Lehrer Gesamtschule Much

Mahnung an die Menschheit
Als am 27. Januar 1945 sowjetische Soldaten das NS-Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau im besetzten Polen befreit haben, haben sie nur noch knapp 7.600 Häftlinge lebend vorgefunden. Der Rest war von den Nationalsozialisten auf Todesmärsche geschickt oder in andere Konzentrationslager überstellt und ermordet worden.
Von bis zu 6,3 Millionen Opfern des Holocaust wurden etwa 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz-Birkenau ermordet: rund eine Million Juden, etwa 21.000
Roma und Sinti, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 80.000 aus politischen und anderen Gründen nach Auschwitz Deportierte. Insgesamt überlebten nur etwa 65.000 Menschen Auschwitz.

Bei der letzten Zählung am 17. Januar 1945 waren noch 67.012 Menschen im Lager. Tags darauf begannen die Nazis wegen der vorrückenden sowjetischen Truppen mit einer hastigen Räumung des Lagers. Rund 58.000 wurden zu Todesmärschen Richtung Westen gezwungen, die viele nicht überlebten. Andere Häftlinge wurden in andere Konzentrationslager überstellt oder gleich an Ort und Stelle ermordet.

Als Soldaten der Roten Armee am Nachmittag des 27. Januars 1945 das Lager befreiten, fanden sie die Leichen von 600 Gefangenen, die nur wenige Stunden
zuvor ermordet worden waren. Sie fanden auch 350.000 Herrenanzüge, 837.000 Frauenkleidungsstücke und tonnenweise Menschenhaare in Säcken. Lediglich rund 7.600 kranke und erschöpfte Gefangene sowie einige hundert Kinder, die die KZ-Lagerwärter zurückgelassen hatten, konnten gerettet werden.

Seit seiner Befreiung ist Auschwitz-Birkenau Symbol für den industriellen Massenmord an den Juden Europas und für das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen können. Der Text an einem Denkmal im Vernichtungslager versucht, die von den Nazis in Auschwitz verübten Verbrechen in Worte zu fassen: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit.“

Juden in Much

„Vielen Passanten sind heute die Hintergründe zu der Gedenkstele am Mucher Walkweiher nicht bekannt und da im Jahr 2021 keine öffentliche Gedenkfeier möglich war, entstand die Idee zu einem Video (s.unten). Der Mucher Historiker Bruno H. Reifenrath schrieb 1982 das Buch „Die Internierung der Juden in Much“. 2004 erschien die Zusammenfassung „Juden in Much“. Aus diesen Büchern stammen die folgenden Berichte über das, was damals in Much geschah.“
Paul Radau
Musikschule Much

Die erste Etappe in den Tod
Im Mucher Gemeindegebiet lebten eigentlich keine Juden. Am 3. Juni 1941 ordnete die Gestapo die „Umsiedlung der Juden aus dem Siegkreis ins Arbeitsdienstlager Much“ an. Ein Jahr später wurden alle 115 Insassen in die Konzentrationslager im Osten Europas verschleppt.

JUDEN IN MUCH

„Evakuierung von Juden nach dem Osten“.
3. bis 10. Juni 1941: Transport von 115 Juden aus dem Siegkreis in das Lager nach Much
14. Juni 1942 um 8:30 Uhr: Transport über Bonn „nach dem Osten“
14. Juni 1942 um 12:00 Uhr: Transport über Köln-Deutz (Messehalle) nach Theresienstadt
19. Juli 1942 um 8:00 Uhr: Transport über Köln-Deutz „nach dem Osten“
27. Juli 1942 um 8:00 Uhr: Transport über Köln-Deutz (Messehalle) nach Theresienstadt

Für den Transport musste jeder Jude 50 Reichsmark bezahlen. Mitnehmen durfte man nur einen Koffer und einen Bettsack sowie 1 Essbesteck mit Essnapf.

Am 28. Juli 1942 meldete der Mucher Bürgermeister dem Landrat, dass das Lager „jetzt frei“ sei.

Die im Lager zurückgebliebenen Besitztümer wurden lt. Zeitzeugen wenige Tage später vom Bürgermeister und Ortsgruppenleiter öffentlich versteigert.

Der sogenannte „Abwanderungstransport“ führte letztendlich alle Mucher Lagerinsassen in die Vernichtungslager im Osten.

Nur Adolf Moses Aaron überlebte.

*

Es gibt keine Fotos aus dem damals sogenannten „Judenlager“, sondern nur aus der Zeit kurz vorher, als es ein ReichsArbeitsDienst-Lager war. Im Gemeindearchiv fanden sich Fotos, die ein wenig vom Leben der Mucher im Nationalsozialismus zeigen. Alle Fotos wurden in der Gemeinde Much aufgenommen – bis auf zwei, die aus Siegburg stammen (im Video bei 3:48 Min).

Die gesprochenen Texte sind Zusammenfassungen von Berichten aus dem Buch „Die Internierung der Juden in Much“ von dem Mucher Historiker Bruno H. Reifenrath aus dem Jahr 1982.

Sprecher: Paul Radau & Hans- Jörg Jüstel
Musik: Paul Radau – „Bei Hitlers brennt noch Licht!“ (instrumental)

Gedanken der christlichen Gemeinden in Much

Die folgenden Beiträge stammen von Pfarrer Andreas Börner (Evangelische Kirchengemeinde Much) und Pastoralreferent Peter Urban (Katholischer Pfarrverband Much). Über diesen LINK gelangen Sie zu einer Audiodatei mit einer kurzen Andacht. Herzlichen Dank an Andreas Menti für den musikalischen Beitrag.

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung

In der jüdischen und christlichen Bibel heißt es beim Propheten Joel:

Hört her, ihr Ältesten,
horcht alle auf, ihr Bewohner des Landes!
Ist so etwas jemals geschehen,
in euren Tagen oder in den Tagen eurer Väter?
Erzählt euren Kindern davon
und eure Kinder sollen es ihren Kindern erzählen
und deren Kinder dem folgenden Geschlecht.
Joel 1,1-3

Erinnern, mahnen, wachsam sein.

Das ist immer noch das Gebot der Stunde. Auch heute in unserer Zeit. Vielleicht mehr denn je. Weil es wieder zunehmend Menschen gibt, die unverhohlen ihre rassistischen Parolen rufen und völkische Ideologien verbreiten. Die den Holocaust leugnen und andere zu Menschen zweiter Klasse erklären.

Der jüdische und der christliche Glaube sagen etwas dezidiert anderes. Sie sehen in jedem Menschen Gottes Ebenbild. Das heißt jedem Menschen ist etwas Göttliches gegeben.

Darum ist seine Würde unantastbar. Als Christen fühlen wir uns durch unseren Glauben verpflichtet dies weiterzugeben. Nicht nur heute. Jeden Tag.

Im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und in der Verpflichtung gegenüber der heutigen Generation.

Lasst uns das tun: Erinnern, mahnen, wachsam sein.

Gebet des Gedenkens

Höre doch, Gott, unser Rufen,
achte Du auf unser Beten.
Mächtige haben die Schutzlosen verdorben.

Ein ganzes Volk in den Abgrund gestürzt.
Wie von einer Flut wurden sie hingerissen,
wurden deine Geschöpfe verhöhnt und ausgelöscht.

Sammle alle, die zu dir gehören,
führe sie ans Ufer des Heils.
Du kennst alle die, in Leid und Dunkel gingen.
Du gibst ihnen Trost und Gerechtigkeit.

Lass uns, o Herr,auch in unseren Zeiten die Verführer meiden.
Ihre tückischen Worte sollen keine Frucht mehr tragen.
Du willst uns auf den Weg zur Wahrheit führen.

Der Friede ist deine Gabe.
Lass ihn uns als dein Zeichen
für all deine Geschöpfe in die Welt tragen,

Amen.

GeDanken von Norbert Büscher – Bürgermeister der Gemeinde Much

„Ganz besonders freut mich, dass sich die Schüler/innen der Gesamtschule in einem Projekt intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt haben und hierzu eine Stele erstellt haben. In mehreren digitalen Treffen haben Britta Rath, Herr Kulbach, Herr Börner, Herr Urban und Herr Radau das Projekt besprochen. Vielen Dank an die Beteiligten.

Wir hier in Much haben eine besondere Verantwortung, im Hinblick auf das ehemalige Reichsarbeitsdienstlager am Walkweiher. Es waren Sammellager wie jenes in Much, die für die Juden die erste Station ihrer Freiheitsberaubung darstellten. Heute erinnert ein Gedenkstein an die Juden aus dem Rhein-Sieg-Kreis, die von hier aus in den Tod geschickt wurden.  An den Seiten des Gedenksteines finden sich drei Tafeln mit Name und Alter aller hier zwischen 1941 und 1942 internierten Personen.

In einer Schweigeminute wollen wir der in deutschem Namen begangenen Verbrechen an den Menschen gedenken, insbesondere der 114 Frauen, Kinder und Männer, die von Much aus in den Tod geschickt wurden.“

Norbert Büscher
Gemeinde Much